Gastbeitrag: ‚Teilzeit, Teil 2: Geld ist (nicht) alles‘

Aufgrund der vielen Reaktionen auf seinen letzten Artikel auf employerreputation zur Teilzeitarbeit, ergreift Marcus Bitterlich erneut das Wort zu diesem Thema und schreibt einen weiteren Gastbeitrag für uns. Viel Freude beim Lesen und diskutieren:

Mit meinem Beitrag zu den ökonomischen Fehlanreizen der Teilzeitarbeit in Deutschland habe ich ganz offenkundig in ein Wespennest gestochen. Die Reaktionen bewegten sich im Spektrum von Applaus bis heftigstem Widerspruch.

In Deutschland ist nur bezahlte Arbeit “richtige” Arbeit

Egal ob Gewerkschaften, politische Parteien oder Arbeitgeberverbände: Hierzulande gilt das Motto, “nur wer bezahlter Arbeit nachgeht, ist ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft”. Der logische Gegencheck lässt sich leicht vollführen: Wenn unbezahlte Care-Arbeit denselben Stellenwert hätte, wäre die Diskussion über das Ermöglichen klassischer, sprich: entlohnter, industrieller Logik folgender Teilzeitarbeit sinnlos.

Paradox: Statt finanzieller Aspekte prägen archaische Motive die Debatte

Die Motive für individuelles Gutfinden oder Ablehnen sind überwiegend auf der psychischen, beziehungsweise emotionalen Ebene zu finden.arbeitende-mutter-tOder, wie Petra G. bei Facebook es so treffend formulierte:
“Aber ich will das nicht, nur Job oder nur Familie. Ich will alles: dabei sein, mitmischen, beraten, entscheiden, kümmern, backen, moderieren, anpacken…statt Zerrissenheit will ich Integration. Statt Einseitigkeit Vielfalt.”

Das Streben nach sozioökonomisch höherem Status, nach Anerkennung drückt sich eben auch im Streben nach Eingliederung in das gesellschaftlich breit akzeptierte System der Erwerbsarbeit aus. Schnell werden dann Argumentationstechniken herangezogen, die Daniel Kahneman als Halo-Effekt bezeichnet, und dem als kognitive Dissonanzreduktion bekannten Mechanismus aufsitzen. Aus der individuell beobachteten Tatsache, dass man als Teilzeitarbeitende seine Zeit besser plant und Aufgaben stärker priorisiert, wird der verallgemeinernde Schluss gezogen, dass dies (1.) alle anderen auch so machen und (2.) dies den Arbeitgeber motiviert Teilzeit anzubieten.

Selbstausbeutung? Höhere Produktivität geht zulasten der Gesundheit

Der ersten Aussage kann vermutlich jeder zustimmen, der in seinem Umfeld Mütter mit Hausarbeit, Bürojob und anderweitigen Verpflichtungen jonglieren sieht. Hier erfordert die zusätzliche Komplexität grundsätzlich ein höheres Maß an Fähigkeit, zu planen. Aus diesem Umstand aber den Schluss zu ziehen, dass dies auch langfristig funktioniert und zwingend die Nachfrageseite zu Teilzeitangeboten motiviert ist, angesichts der Kostenaspekte, zumindest gewagt. Leider müssen Teilzeitangestellte die gewonnene Gestaltungsfreiheit mit ihrer Gesundheit bezahlen. Einer brandaktuellen Studie des Weltwirtschaftsforums zufolge leiden Frauen, die weniger als Männer verdienen, deutlich häufiger an Depressionen und Angststörungen. Und der berüchtigte Gender Pay Gap resultiert nun einmal wesentlich aus geringerer Arbeitszeit, nicht aus der Boshaftigkeit der Männerwelt. Aber auch ganz allgemein scheint Teilzeit Frauen eher unglücklich zu machen.

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Mit der schnellen Lösung, einfach beide Teile eines klassischen Arbeitnehmerpaares Teilzeit arbeiten zu lassen, ist allerdings auch keinem geholfen. Zwar wäre dann das Einkommen auf gleicher Höhe, aber Männer leiden psychisch unter reduzierter Arbeitszeit.

Wer jetzt einseitige Quellenwahl – Neoliberales Weltwirtschaftsforum! Oder noch schlimmer: Lügenpresse! – wähnt, kann sich auch bei der Hans-Böckler-Stiftung die Sicht der Gewerkschaften zu eigen machen, wonach bei “atypischer” Beschäftigung das Trennungsrisiko zunimmt und wirtschaftliche Abhängigkeit in Paarbeziehungen verschärft werden.

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© Quelle: imago

Gerade letzterer Aspekt schlägt auch den Bogen zu meinem ersten Beitrag zum Thema Teilzeit. Das Ausblenden wirtschaftlicher Anreize und Wirkungen aus der Argumentation Pro oder Contra Teilzeitarbeit verhindert eine ganzheitliche Diskussion.

Erst, wenn Vollzeitarbeit nicht mehr automatisch und systematisch zu finanziellen Vorteilen führt, kann man darüber hinaus gehende psychologische Effekte und Verhaltensmuster isoliert betrachten und transformieren.

Flexible Arbeitsmärkte und machen glücklich

Gerade in Ländern mit hoher Lebenszufriedenheit scheint es eine hohe Korrelation mit der Work-Life-Balance zu geben. Womöglich sollten wir uns ein wenig genauer anschauen, mit welchen Rahmenbedingungen unsere Nachbarn Dänemark, Schweiz oder Niederlande dies erreichen. In Skandinavien wird Teilzeit längst nicht mehr diskutiert, es ist eine Selbstverständlichkeit, steuerlich herrscht dort ohnehin deutlich mehr Gerechtigkeit (wenn auch auf einem für deutsche Verhältnisse nahezu unvorstellbaren konfiskatorischen Niveau). In der Schweiz gibt’s weder nennenswerten Mutterschutz noch Kündigungsfristen, in Dänemark ist Arbeitslosengeld Privatsache. Grundsätzlich sind die Arbeitsmärkte deutlich flexibler, so etwas Seltsames wie Ehegattensplitting gibt es erst gar nicht. In Deutschland scheinen Ziele und Rahmenbedingungen nicht zusammenzupassen. Die Kombination aus der Forderung nach flexiblen Arbeitsverhältnissen einerseits und finanzieller Bestrafung andererseits ist geradezu absurd. Dass dieser Konflikt zu allem Überfluss auch noch auf die Gesundheit durchlägt, ist da nur die tragische Kirsche auf dem Kuchen.

Zur Person:

Marcus Bitterlich

Marcus Bitterlich

Marcus Bitterlich, geboren 1976 in Karl-Marx-Stadt, studierte International Business Administration in Saarbrücken, lebt in München und ist im Bereich Business Intelligence von Vodafone für Strategie und Transformation zuständig. Zuvor hat er unter anderem für Big 4-Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Unternehmensberatungen und in den Finanzbereichen von T-Systems und Kabel Deutschland gearbeitet.

In seinem Blog schreibt er gerne, unregelmäßig und ungefiltert, über Informationen und ihre Visualisierung, Daten und ihren Kontext.

 

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