Gastbeitrag: ‚Teilzeit: Halbtags kostet das Doppelte, bringt nicht die Hälfte‘

Marcus Bitterlich wird „Wiederholungstäter“ und schreibt einen weiteren Gastbeitrag auf employerreputation, wie immer auf dem Punkt und ungefiltert:

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© frauenbeauftragte.org

Teilzeit: …

Politiker und Verbandsvertreter wollen mehr Teilzeitarbeit. Es ist das erklärte Ziel nahezu aller, die sich zum Thema “Vereinbarkeit von Familie und Beruf” äußern. Wobei sich dieses Ansinnen vornehmlich auf Frauen richtet, um diesen einerseits Aufzucht und Pflege der Brut und andererseits postmoderne Selbstverwirklichung im Rahmen der kapitalistischen Verwertungslogik zu ermöglichen. Zwar wird immer wieder einmal betont, dass selbstverständlich auch die Herren der Schöpfung dazu in die Lage versetzt werden sollen, ihr Zeitbudget geschlechtergerecht zwischen der Nutzung funktionaler Möbel von Vitra und Stokke aufzuteilen. Aber dies hat den Charakter von Sonntagsreden, und kaum einen höheren Stellenwert als ein rhetorischer Platzhalter, ein “ceterum censeo” der Familienpolitik.

Seit Jahren wird nun versucht, über das Teilzeitmodell Frauen vom Herd und in die Fabrik zu locken. Im Prinzip besteht sogar schon eine ganze Weile ein explizites Recht auf Teilzeit, sobald ein Unternehmen wenigstens 15 Angestellte hat. Langsam und gleichmäßig stieg von 2004 bis 2013 der Anteil von Frauen, die weniger als 35 Stunden pro Woche arbeiten, von 44% auf 48%. Währenddessen legte die absolute Zahl deutlich dynamischer zu: von 7 auf 8,7 Millionen – ein Plus von fast einem Viertel.

… Halbtags kostet das Doppelte, …

Doch ist es überhaupt erstrebenswert, eine Vollzeittätigkeit auf mehrere Köpfe zu verteilen? In aller Regel sind es Frauen, die sich eine Stelle teilen – was ein opportunistischer, beziehungsweise: cleverer Unternehmer schon aus rein finanziellen Gründen vermeiden sollte. Frauen einen geringeren Anteil am Arbeitsvolumen zuzuweisen, wäre streng statistisch betrachtet vorsätzliche Verschwendung von Produktivität, und damit von Ertrag. Aber selbst, wenn die Menge der Arbeit in einem Unternehmen gleichmäßig auf die Geschlechter verteilt ist, wird das Kalkül kaum eine dramatische Ausweitung von Teilzeitarbeit zulassen. Dazu reicht die simple Betrachtung der betriebswirtschaftlichen Vollkosten. Das heißt, wenn man zum reinen Arbeitslohn – der in Summe bei zwei Halbtagskräften derjenigen einer Vollzeitkraft entspricht – alles das hinzuaddiert, was außerhalb des Gehaltszettels finanziert werden muss. Das sind so banale Dinge wie doppelter Aufwand für Arbeitsgerät (wer teilt sich schon mit einem Kollegen Laptop, Handy, Spind?), aber auch Gemeinkosten für Lohnabrechnung, Schulungen, Kapazitäts- und Urlaubsplanung.

… bringt nicht die Hälfte

Ganz zu schweigen davon, dass schlicht ein deutlich größerer Anteil der bezahlten Arbeitszeit für die sogenannten “Rüstzeiten” draufgeht, das heißt, wie lange es dauert, jeden Tag nach Eintreffen im Büro den Arbeitsplatz herzurichten und den PC mit allen benötigten Anwendungen zu starten. Diese Zeiten sind nachvollziehbarerweise unabhängig davon, ob nun ein 8-Stunden-Tag oder ein 4-Stunden-Tag vertraglich vereinbart ist. Ob die oft behauptete und gelegentlich beobachtbare Neigung zu stärkerer Priorisierung und Fokussierung diese organisatorischen Reibungsverluste ausreichend kompensiert, ist zumindest fraglich. Die quasi erzwungene höhere Produktivität ist vermutlich langfristig auch mit höherer Ermüdung verbunden – die hochmotivierte Teilzeitmanagerin brennt aus.

Teilzeit Arbeit

© http://arbeits-abc.de

Blind sind viele Teilzeitbefürworter zudem für einen abschreckenden Effekt, den die Politik mit der Gestaltung der Lohnnebenkosten zu verantworten hat. Eine Abteilungsleiterin mit einem Bruttojahresgehalt von 100.000 Euro verursacht dank Beitragsbemessungsgrenze jährliche Krankenkassenbeiträge in Höhe von 3.650 Euro, bei einem hälftig geteilten Job muss der Arbeitgeber aber den doppelten Betrag berappen. Genau so funktioniert dieser Mechanismus auch bei Pflege-, Arbeitslosen-, und Rentenversicherung. In Großkonzernen mit Dutzenden, ja Hunderten gutdotierter Führungsjobs summieren sich diese Effekte leicht auf Millionenbeträge.

Auch unabhängig von der Arbeitgeberperspektive ist es für Teilzeitarbeiter aber eine Überlegung wert, eventuell doch alles dafür zu tun, eine Vollzeitstelle auszufüllen, und mit dem Mehreinkommen Au-pairs, Köche und Putzmänner zu finanzieren. Abgesehen davon, dass es schwierig sein kann, aus der Teilzeit in Vollzeit zurückzukehren, wird durch die wesentlich niedrigere Bemessungsgrundlage für Altersvorsorge und Arbeitslosengeld die wirtschaftliche Abhängigkeit in Paarbeziehungen zementiert – also gerade nicht für mehr “Gerechtigkeit” gesorgt, sondern vielmehr die “Machtkonzentration” zugunsten des Vollzeittätigen festgeschrieben. Wenn sich an den strukturellen – lies: finanziellen – Nachteilen von Teilzeitarbeit nichts ändert, ist sie kein Modell zur Förderung von Gleichberechtigung, sondern ein U-Boot eines patriarchalisch eingefärbten Kapitalismus, ein Beiboot des steuerrechtlichen Zerstörers namens Ehegattensplitting.

Zur Person:

Marcus Bitterlich

Marcus Bitterlich

Marcus Bitterlich, geboren 1976 in Karl-Marx-Stadt, studierte International Business Administration in Saarbrücken, lebt in München und ist im Bereich Business Intelligence von Vodafone für Strategie und Transformation zuständig. Zuvor hat er unter anderem für Big 4-Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Unternehmensberatungen und in den Finanzbereichen von T-Systems und Kabel Deutschland gearbeitet.

In seinem Blog schreibt er gerne, unregelmäßig und ungefiltert, über Informationen und ihre Visualisierung, Daten und ihren Kontext.

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Ein Gedanke zu „Gastbeitrag: ‚Teilzeit: Halbtags kostet das Doppelte, bringt nicht die Hälfte‘

  1. […] Mein neuster Gastbeitrag für employerreputation ist online. […]

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