Schaut die Politik in Städten und Regionen dem Fachkräftemangel hilflos zu?

Interview mit der Vorsitzenden des Verbandes Region Rhein-Neckar, Dr. Eva Lohse

employerreputation: Frau Dr. Lohse, gibt es einen Fachkräftemangel in der Metropolregion Rhein-Neckar?

Dr. Eva Lohse: In der Metropolregion Rhein-Neckar sind wir sehr gut aufgestellt, die Region ist wirtschaftsstark, innovativ und zukunftsorientiert und muss sich unter diesem Blickwinkel ganz anderen Herausforderungen in dieser Frage stellen als strukturschwache Regionen. Was wir erkennen können, ist, dass ein verifizierbarer Bedarf in der Altenpflege, bei den Erzieherinnen und Erziehern und in den für die Region wichtigen Berufsbereichen Mechatronik, Automatisierungs- und Energietechnik sowie im chemischen Bereich besteht, dass Schwierigkeiten bei Stellenbesetzungen nicht nur für Akademiker, sondern in einigen Branchen und Berufen sogar stärker für beruflich qualifizierte Fachkräfte bestehen. Insbesondere Meister oder Techniker sind schon heute auf dem regionalen Arbeitsmarkt schwer zu finden. Und schließlich ist festzuhalten, dass Auszubildende bereits jetzt im Gaststättengewerbe, im Baugewerbe, bei gesundheitsbezogenen Dienstleistungen, im IT-Bereich sowie im Handel und Lebensmittelhandwerk fehlen.

employerreputation: Kann die Politik vor Ort die Auswirkungen des Fachkräftemangels abmildern? Oder ist die Politik in Städten und Regionen dem Fachkräftemangel hilflos ausgeliefert? Was tun Sie gegen den Fachkräftemangel?

Dr. Eva Lohse: Hier gibt es mehrere Aspekte zu berücksichtigen. Zunächst einmal stehen die Kommunen der Region selbst als Arbeitgeber in der Verantwortung. Mit den Gehältern in der Industrie können wir nicht mithalten. Wir müssen mit anderen Vorteilen punkten: Stichwort Arbeitgeberattraktivität und allem was dazu gehört. In einer Region kann das allein nicht helfen. Die Zusammenarbeit aller Akteure führt zum Erfolg einer Region wie der unseren. Der Zusammenschluss macht uns stark und dies insbesondere dann, wenn alle Akteure mitgestalten. Die Erfolge können sich sehen lassen. Lassen Sie mich ein paar Beispiel nennen:

  • Das Projekt „Kooperatives Übergangsmanagement“ (KÜM) wurde an 15 Schulen der Region von 2008 bis 2013 durchgeführt. Die Übergangsquote der Abgängerinnen und Abgänger von der Schule in die duale Ausbildung wurde dabei nahezu verdoppelt und wesentliche Elemente konnten in bestehende Arbeitsmarktinstrumente integriert werden.
  • Außerdem wurden mit der Datenbank „Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Sozialmonitoring“ (WIAS) die für eine regionale Planung notwendigen Indikatoren festgelegt und Daten zu Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Sozialem bereitgestellt.
  • Ein weiterer Baustein ist das bereits seit 1999 bestehende Netzwerk Forum „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“: Es veröffentlichte die Vereinbarkeitsstudien 2007 und 2012 und führt zahlreiche Projekte durch. Beispiele sind die Kinderbetreuungsdatenbank, Workshops und Lehrbausteine zur Sensibilisierung von (angehenden) Führungskräften sowie Veranstaltungen und Broschüren zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege.
  • Und schließlich setzen wir in der Region auf eine gelebte Willkommenskultur: Die Metropolregion war an der Studie „Einreiseoptimierung“ des Normenkontrollrates beteiligt. Die Gesetzesänderung des §31 AufenthV ist unter Mitarbeit der maßgeblichen Akteure der Region auf den Weg gebracht worden. Wir haben den Rhine-Neckar Welcome Club und eine Dual Career-Vereinbarung mit den Agenturen für Arbeit. Wir waren mit Unternehmen in Barcelona zur Anwerbung von Fachkräften und konnten die entstandenen Kooperationen ausbauen. Marketingseitig sind Instrumente wie der Newcomers Guide Rhine-Neckar und ganz aktuell die Website rhein-neckar-upgrade.de geschaffen worden. Dies sorgt für eine attraktivere Außendarstellung der Region – gerade für diese Zielgruppen.

employerreputation: Sie haben sich dafür ausgesprochen, Flüchtlinge nach Berufserfahrung auf die Regionen zu verteilen. Was meinen Sie damit genau?

Dr. Eva Lohse: Regional sehen wir Flüchtlinge als eine Chance für den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Vor der Arbeitsmarktintegration sind jedoch viele rechtliche Fragen zu klären. Wollen wir den Menschen eine Chance für die Integration am Arbeitsmarkt geben, muss dann gewährleistet sein, dass sie so schnell wie möglich Deutsch lernen. Es sollte ein einheitliches System für eine niederschwellige Kompetenzfeststellung geben, damit wir wissen, wen wir wohin am Sinnvollsten vermitteln und dies sowohl zum Leben als auch zum Arbeiten. In der Region benötigen wir in den Kommunen und Unternehmen unterschiedliche Qualifikationen. In vielen unserer ländlichen Gebiete ist z.B. die Frage der Pflege- und Ärzteversorgung gravierender als anderswo, das Tourismusgewerbe hat ggf. größeren Bedarf an Arbeitskräfte zu kommen. Somit wäre ein berufliches Profiling bereits in den Erstaufnahmeeinrichtungen der Länder durchzuführen. Das geschieht bisher leider (noch) nicht.

employerreputation: Green Card, Blue Card, Punkte nach kanadischem Vorbild, … Immer wieder werden neue Gesetze umgesetzt oder diskutiert, um qualifizierte Zuwanderer zu gewinnen. Was wünschen Sie sich von der Bundespolitik?

Dr. Eva Lohse: Die grundsätzliche Frage, ob Deutschland ein neues Zuwanderungsgesetz benötigt, wird sehr kontrovers diskutiert; generell ist ein System erforderlich, nach dem qualifizierte Zuwanderung möglich ist – aber mit klaren Vorgaben. Ob das kanadische Punktesystem Vorbild sein sollte, bezweifle ich. Bei der Frage der Rekrutierung qualifizierter Fachkräfte war die Region bisher sehr aktiv und in der Frage der Einreiseoptimierung Modellregion für gesetzliche Veränderungen. Außerdem waren wir zwei Mal mit regionalen Unternehmen in Barcelona, haben dort Kontakte zu Universitäten, dem Goethe-Institut und weiteren Akteuren geknüpft. In diesem Jahr gehen wir als Gesamtregion mit der Fachkräfteallianz des Landes Baden-Württemberg nach Barcelona und vertreten die Region nach außen. Für potenzielle Fachkräfte können wir auf diesem Weg die Region attraktiv darstellen und bekannt machen. Die Kommunen benötigen eine stabile Finanzierung, die in Bezug auf die Arbeitsmarktintegration die Mittel für Qualifizierung wie Sprache, Aus- und Weiterbildung sicherstellt. Gesetzlich müssen klare Regelungen her z.B. zum Bleiberecht ganz besonders für minderjährige Jugendliche, die wir für zahlreiche Ausbildungswege dringend benötigen.

employerreputation: Welchen Rat geben Sie mittelständischen Unternehmen, die vom Fachkräftemangel betroffen sind?

Dr. Eva Lohse: Kleine und mittelständische Unternehmen haben es sicher beim Wettbewerb um die besten Köpfe schwer. Doch sie können gemeinsam aktiv in der Region mitgestalten und auch vom Wissen der „Großen“ profitieren. Zwar können sie in Bezug auf Gehälter überwiegend nicht mit den Großen mithalten, aber es gibt daneben noch viel mehr Optionen als man glaubt. Sprechen wir von den Generationen X oder die neue Generation Y, die jetzt gerade auf den Arbeitsmarkt strömt, dann wissen wir, dass es nicht alleine die Gehälter sind, die ein Unternehmen für die jungen Menschen attraktiv macht. Hier kann einiges getan werden. Region kann dabei unterstützen auch Instrumente an die Hand zu geben. Best practice in der Region haben wir z.B. mit unserer Broschüre „Pflegefall – Was nun?“ oder dem Kompetenztraining Pflege. Zudem gibt es zahlreiche institutionelle Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten, z.B. über die Kammern oder die Agenturen für Arbeit, die noch viel mehr in Anspruch genommen werden können. Dabei unterstützt die Region als Informations- und Austauschplattform.

employerreputation: Frau Dr. Lohse, vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person:

Oberbürgermeisterin Stadt Ludwigshafen am Rhein Dr. Eva Lohse

Dr. Eva Lohse ist seit April 2006 Verbandsvorsitzende des Verbandes Region Rhein-Neckar. Die promovierte Juristin ist außerdem seit Januar 2002 Oberbürgermeisterin der Stadt Ludwigshafen am Rhein und seit April 2013 Vizepräsidentin des Deutschen Städtetages.

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