Karrierewebseiten und Employer Branding – Interview mit Martin Gaedt

Die YOUNECT GmbH bringt immer wieder sinnvolle und pragmatische Angebote für Arbeitgeber und Kandidaten an den Markt. Über die berufsrakete der YOUNECT GmbH habe ich schon im Dezember berichtet (Seufzer & Sonnenseiten). Heute beantwortet der Gründer und Geschäftsführer Martin Gaedt Fragen zu seiner Philosophie und Vision.

employerreputation: Danke Martin, dass Du Dir Zeit für das Interview nimmst! Was genau sind „Talentpools“ und wer profitiert davon?

Martin Gaedt: Regionale Talentpools sind abgeschlossene, interne Bewerber-Binnenmärkte. Dort können gute 2.- und 3.-platzierte Bewerber, gute Schüler und Absolventen, Lebenspartner (Dual Career) u.v.a. Bewerber persönlich eingeladen und weiterempfohlen werden. Talentpools werden webbasiert von bestehenden Netzwerken für ihre Mitgliedsunternehmen gestartet. Im Talentpool werden viele Bewerber-Quellen für eine Region oder eine Branche gebündelt. Davon profitieren sechs Beteiligte. Aus Win-Win wird „Sixpack-Win“:

1. Unternehmen, die Bewerber in ihrem Netzwerk weiterempfehlen, profitieren von positiven Berichten der Bewerber. Trotz Absage werden Bewerber positiv von einer Einladung und Empfehlung überrascht. Das wird weiter erzählt und stärkt die Arbeitgebermarke des Unternehmens, das ihnen eigentlich abgesagt hat.

2. Bildungspartner der Region wie Schulen, Hochschulen, Universitäten, Weiterbildungsträger u.v.a., die ihre Schützlinge sehr gut kennen, können sie optimal mit persönlicher Empfehlung vermitteln.

3. Bewerber werden mit persönlicher Empfehlung von Unternehmen oder Bildungspartnern anderen Unternehmen präsentiert. Sie gewinnen Jobangebote in der Region/Branche, die sie bereits ausgewählt hatten.

4. Unternehmen werden gute, vorausgewählte Bewerber präsentiert. Diese Bewerber hätten sich nicht bei ihnen beworben, denn die meisten Unternehmen sind den Bewerbern schlicht unbekannt.

5. Netzwerke, Innungen, Verbände und Cluster bieten ihren Mitgliedsunternehmen einen einfachen, wirkungsvollen, webbasierten Binnenmarkt „Talentpool“. Statt einer weiteren Tagung wird pragmatisch ergebnisorientiert gehandelt.

6. Ländliche Regionen und unbekannte Branchen leiden am meisten unter dem „Fachkräftemangel“. Die guten, qualifizierten, flexiblen Arbeitskräfte gehen als Erste weg. Jede Absage erhöht die Gefahr der Abwanderung. Eine Vermittlung im Talentpool erhöht auch die Wirtschaftskraft der Region, wenn gute Bewerber bleiben.

Der Talentpool ist die Idee von Unternehmern und Personalverantwortlichen beim Kaminabend eines Verbandes. Jede Weiterentwicklung basiert auf Ideen von Nutzern. Unser Netzwerk-Talentpool besteht zu 100% aus Ideen von Anwendern.

employerreputation: Es gibt so viele Angebote für Jobsuchende und Arbeitgeber, Jobbörsen, Soziale Netzwerke, Personalberater, die Arbeitsagenturen… Braucht der Arbeitsmarkt zusätzlich „Talentpools“?

Martin Gaedt: Eindeutig: JA. Viel wird über „Fachkräftemangel“ geredet. Aber die 2.- und 3.-platzierten Bewerber bekommen weiterhin Absagen. Das enttäuscht Bewerber und führt zu Abwanderung. Unterm Strich bekommt die Mehrzahl der gut qualifizierten Bewerber Absagen. Sehenden Auges werden die besten Bewerber für die Region und Branche verschwendet. Das ist genauso sinnentleert als gäbe es bei der nächsten Olympia nur noch Goldmedaillen. Oder sind Silber und Bronze völlig überbewertet? Eine Millisekunde zu viel, und du bist der Looser der Nation. Ganz im Gegenteil: Wir wollen die olympischen Silber- und Bronzemedaillen auch für Bewerber einführen. Ganz konkret werden die guten 2.- und 3.-platzierten Bewerber zeitgleich mit der Absage in einen regionalen Talentpool eingeladen und dort mit Empfehlung anderen Unternehmen präsentiert. Natürlich intern und gesichert nur für autorisierte Unternehmen. Andere spannende Unternehmen derselben Region oder Branche können nun dem Bewerber ein Angebot machen.

employerreputation: Welche Vision hast Du für die „Talentpools“?

Martin Gaedt: 2015 ist es Standard, dass gute Bewerber eingestellt oder weiter empfohlen werden. Wir vermitteln die von Unternehmen bereits identifizierten Talente! Alles andere wäre fortgesetzte Verschwendung im ganz großen Stil. Jedes Unternehmen ist in mindestens einem Netzwerk, einer Innung oder einem Verband aktiv. Über 10.000 solche Cluster und Verbände unterstützen rund vier Millionen Unternehmen im unbekannten Mittelstand – meistens zudem ansässig in unbekannten Orten wie Greiz, Schleiz, Brücken-Hackpfüffel, Steinbach am Wald und Ebersdorf-Frohnlach. Die Betriebe dort sind oft Weltmarktführer, aber unsichtbar und unbekannt. Ein Bewerber in Kronach oder Coburg wäre häufig auch bereit, in Dörfles-Esbach oder Bad Staffelstein zu arbeiten, wenn er davon wüsste. Empfehlung und „Vitamin B“ gab es schon immer. Wir professionalisieren „Empfehlungs-Recruiting“ und führen dies neu in bestehenden Netzwerken ein.

employerreputation: Was ist Deine persönliche Philosophie für die YOUNECT GmbH? Was treibt Dich an?

Martin Gaedt: Ich stelle gerne 44 Fragen. Innovation ist meine Leidenschaft. Der Arbeits- und Bewerbermarkt ist voller tradierter Unsinnigkeiten. Ich suche neue Wege. Wir vermitteln die von Unternehmen bereits identifizierten Talente! Wir bieten keine weitere Job- oder Stellenbörse. Wir bieten Lösungen für ländlich „versteckte“ Weltmarktführer im klassischen deutschen Mittelstand. Unsere Netzwerk-Talentpools und Karriereseiten-to-go führen wir partnerschaftlich über Netzwerke ein. Besonders stolz bin ich auf unser Team, das die Talentpools und Karriereseiten täglich verbessert und weiter entwickelt. Unsere Pipeline ist voller Ideen, um den üblichen Bewerbungsfrust mit Job-Such-Lust zu ersetzen. Das treibt mich an.

employerreputation: In letzter Zeit habt Ihr Euch mit Karriereinformationen und Employer Branding-Kommunikation beschäftigt. Glaubst Du, dass es für Bewerberinnen und Bewerber schwer ist, ausreichend Informationen über Arbeitgeber und Karrieremöglichkeiten zu finden?

Martin Gaedt: Die wichtigste Info-Quelle für Bewerber ist die Website des Unternehmens. Aber es ist fast unmöglich, relevante Informationen über Arbeitgeber und Karrieremöglichkeiten im klassischen mittelständischen Betrieb zu finden. Gleichzeitig sind 80% der offenen Stellen in Unternehmen unter 250 Mitarbeitern und 50% in Unternehmen unter 50 Mitarbeitern. Dort, wo der Bedarf am größten ist, haben wir uns kürzlich hunderte sogenannte „Karriereseiten“ von Unternehmen unter 250 Mitarbeitern angesehen. Bewerber finden dort in der Regel offene Stellen und eine Produkt-Darstellung. Das reicht vielen Bewerbern nicht mehr. Es geht um die Unterscheidung. Was im Produkt-Marketing gilt ist auch im Personal-Marketing die Herausforderung. Was zeichnet mich als Arbeitgeber aus? Biete ich den Mitarbeitern einen Ideen-Geld-Fond, zu dem jeder Mitarbeiter per EC-Karte Zugang hat und OHNE jedes Formular Geld abheben kann? Ja, das gibt es! Bietet das Unternehmen Müttern und Vätern mit Kindern flexible Arbeitszeiten? Bietet der Betrieb Produkte, die Mitarbeiter sinnvoll finden? Werden gemeinsame Mittagspausen, Getränke, Verpflegung, Sport angeboten? Was prägt das Betriebsklima? Usw. Wer sollte dem Bewerber diese Fragen beantworten, wenn nicht das Unternehmen selbst. Wenige Sekunden entscheiden, ob ein Bewerber auf der Website bleibt oder weiter surft. Bewerber sollten sofort erkennen: Hier bin ich richtig. Hier würde ich gerne arbeiten und mich wohl fühlen. Hier könnte ich mich voll einbringen.

employerreputation: Leserinnen und Lesern, die sich über Sinn und Zweck von HR-Kommunikation und Karrierewebseiten informieren wollen, empfehle ich dieses Video der YOUNECT GmbH:

Karriereseite

employerreputation: Martin, vielen Dank für das Interview!

Martin Gaedt

Martin Gaedt ist Gründer und Geschäftsführer der YOUNECT GmbH. Seit 1999 selbständig in der Innovationsberatung hat er 2007 mit Partnern YOUNECT gegründet. Innovation und Netzwerke sind seine große Leidenschaft. Feedback und Widerspruch sind sehr willkommen frei nach „don`t criticize, improve“.

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